Stadtrat Brisbois überbringt Grüße der Stadt - Rüsselsheim sieht Länderkampf mit Jugoslawien

Dem Kongreß 1954 des Deutschen Schachbundes, am Wochenende im Hotel "Schöne Aussischt" war ein schöner Erfolg für Organisatoren und Teilnehmer beschieden. In würdigem Rahmen waren Gäste von Magistrat und Land Hessen Zeugen einer eindrucksvollen Feierstunde. Wolfgang Unzicker erhielt intenationale Auszeichnung und bezwang in 6 Stunden 31 Gegner. Das Präsidium des Deutschen Schachbundes wurde im wesentlichen wieder bestätigt. Rüsselsheim wird im Herbst Schauplatz des Länderkampfes Deutschland - Jugoslawien sein.

Den modernen und weitläufigen Festsal des Hotels "Schöne Aussicht" erfüllte eine feierliche Atmosphäre, als ein Streichquartett aus der Meisterklasse der Staatlichen Hochschule für Musik den Schachkongreß einleitete. Präsident Dähne (Hamburg) konnte unter anderen Ministerialrat Dr. Müller von der hessischen Landesregierung, die Stadträte Brisbois und Gräser sowie Stadtamtmann Zimmer (Sportamt) begrüßen. Die Ansprache der Gäste würdigten den unschätzbaren erzieherischen Wert des königlichen Spiels und zeigten sich erfreut, daß der Deutsche Schachbund Höchst zum Mittelpunkt aller deutschen Schachfreunde gemacht hat. Die Vizepräsidenten des Bundes, Stock (Freiburg) und Schneider (Nürnberg) gaben Rechenschaft von den Aufgaben der Organisation. Die bekannten Hamburger Meister Rellstab und Brinckmann wurden im Auftrage des Weltschachbundes mit den prächtigen Nadeln für "Internationale Meister" geehrt. Mit einem Strechquartett von Beethoven klang die Feierstunde aus. Gäste und Bundesvorstand hatten in einer anschließenden Plauderei Gelegenheit, Gedankengänge über das Schachspiel auszutauschen. Unterdessen war auch der Hessische Rundfunk eingetroffen, interviewte den Präsidenten Dähne und den Pressewart Jensch (Höchst).

Die Jahreshauptversammlung (am Samstag) brachte zunächst die Berichte der Vorstandsmitglieder und konnte zügig und präzis mehrere Punkte der Tagesordnung erledigen. Präsident Dähne konnte einen Vorstandsbeschluß des Vorabends bekanntgeben, wonach Rüsselsheim die Ausrichtung des im Spätherbst angesetzten Länderkampfes an zehn Brettern zwischen Deutschland und Jugoslawien zugesprochen wurde. Hierzu hatten die Vorstandsmitglieder der Main-Taunus-Schachvereinigung Maerten (Groß-Gerau) und Kerpen (Rüsselsheim) entscheidende Vorarbeit geleistet.

Wolfgang Unzicker gewinnt 31 Partien

 Wolfgang Unzicker traf um 18 Uhr aus München, wo er am Vorabend eine Simultanvorstellung an 38 Brettern gegeben hatte, ein und begab sich unmittelbar danach, wohl auch ein wenig ermüdet, an das hiesige Reihenspiel auf 50 Brettern. Vorsitzender Bauer vom Höchster Schachklub hatte mit seinen Helfern die Tagungsstätte in einen perfekten Turniersaal verwandelt. Der stürmisch begrüßte vierfache Deutschlandmeister spielte zwar sehr rasch, doch mit aller Behutsamkeit, die man einer unbekannten Gegnerschaft zollt. Er war sehr beeindruckt von der beachtlichen Spielstärke seiner Partner und legte seine Partien auf positionelle Sicherheit an. Doch überraschte er im Stadium des Mittelspiels mit einigen eleganten Angriffskombinationen. Verhältnismäßig rasch mußte jedoch der Meister seine erste Niederlage hinnehmen. Der sehr geschickte Sindlinger Nachwuchsspieler Ferdinand Niebling bezwang den Meister nach knapp zwei Stunden. Die sehr zahlreich anwesenden Zuschauer verfolgten mit großem Interesse das Spiel und die jeweiligen Reaktionen des Meisters.

Eine zweite Reportage des Hessischen Rundfunks zeigte allen Teilnehmern, welche Bedeutung dem Kongreß in Höchst beizumessen ist. Nach Mitternacht ergab sich in der Simultanvorstellung das folgende Abschlußresultat: Unzicker gewann 31 Partien, remisierte 15 Spiele und mußte sich an vier Brettern geschlagen bekennen. Es siegten gegen den Meister: Walter (Bornheim), Dr. Milz (Kaiserslautern), Niebing (Sindlingen) und Richter (Höchst). Ein Unentschieden erzielten: Schleimann (Rüsselsheim), Thies (Offenbach), Stern (Frankfurt), Kaesler (Unterliederbach), Scheibel (Frankfurt), Pohl (Rumpenheim), Gasser (Sulzbach), Lucht (Höchst), Uhrg (Höchst), Theil (Frankfurt), Dr. Eisenberg (Frankfurt), Schröder (Höchst), Steyer (Kelkheim), Reis und Seibt.

Gerhard Jensch wieder Pressewart

Die Fortsetzung der Tagung am Sonntag stand zunächst im Zeichen der Neuwahlen des Präsidiums. Es wurden zu Vizepräsidenten Stock (Freiburg) und Schneider (Nürnberg) gewählt. Rellstab (Hamburg), Ahrens (Hamburg) und Jensch (Höchst) wurden als Schriftführer, Schatzmeister und Pressewart für weitere zwei Jahre gewählt. Zum Jugendwart bestellte die Versammlung Dr. Appel (Bremen). Dem Beirat werden Dr. Gruhl (Lindau), Dr. Stüber (West-Berlin) und der hessische Landesvorsitzende Seidel (Reichenbach) angehören.

Besondere Freude erfüllte alle Anwesende, als Stadtrat Brisbois (Höchst) im Auftrage des Magistrats der Stadt Frankfurt den Deutschlandmeister Unzicker mit herzlichen Worten begrüßte und ein wertvolles Geschenk der Stadt überreichte. Er beglückwünschte zugleich den Schachmeister zu seiner Ehrung mit dem internationalen Meistertitel, die Präsident Dähne mit der Überreichung der Ehrennadel vollzog.

Die Delegierten hatten eine Reihe schwieriger Tagesordnungspunkte zu bearbeiten, die heftige Diskussionen verursachten. Eine Einigung hinsichtlich der Beitragsregelung konnte nach heißer Redeschlacht nicht erzielt werden. Bei Redaktionsschluß hatte man sich "ruhigeren" Punkten der umfangreichen Tagesordnung zugewandt, über die morgen berichtet wird.

HK 1954 03 29 DSB Kongress
In Höchst tagte der Deutsche Schachbund: Präsident Emil Dähne überreichte dabei den Internationalen Meistern Rellstab und Brinkmann die Ehrennadel des Weltschachbundes. Im Vordergrund Vizepräsident Friedrich Stock (Freiburg). Auch Deutschlandmeister Unzicker, der eine vielbeachtete Simultanvorstellung an 50 Brettern gab (rechts), erhielt diese Auszeichnung. Fotos: HUTHMACHER

Quelle: Höchster Kreisblatt, 29.03.1954